Xabier Anduaga debütierte am Liceu als Werther und bewies ein stimmliches Register in höchsten Höhen und explosive Spitzentöne, die seinen Status als herausragenden Tenor bestätigen. Seine Interpretation schaffte es jedoch nicht, die psychologische Tiefe der Figur zu erreichen, und blieb eine makellose, aber distanzierte Darbietung, fernab der inneren Qual, die die introspektive Inszenierung von Christof Loy erfordert.
Die Herausforderung der Emotion im Zeitalter technischer Präzision 🎭
Die zeitgenössische Oper fordert zunehmend ein Gleichgewicht zwischen technischer Perfektion und emotionaler Authentizität. In diesem Fall reduziert Loys Inszenierung die Bewegung auf minimale Gesten und zwingt den Sänger, den inneren Konflikt allein durch den Blick und die Phrasierung zu vermitteln. Anduaga beherrscht die stimmliche Mechanik, aber seine Gesangslinie moduliert nicht die notwendige Farbe, um die Qual des Dichters zu tragen. Die heutige Aufnahmetechnik erfasst jede Nuance, und hier waren die emotionalen Nuancen rar.
Werther ohne Qual: wie ein entkoffeinierter Kaffee ☕
Anduaga sang wie jemand, der ein Handbuch der Gesangstechnik rezitiert: perfekt, aber ohne einen Tropfen emotionalen Schweißes. Werther sollte ein Typ sein, der leidet, der sich vor Liebe verzehrt, kein Tenor, der aussieht, als würde er auf den Bus warten, während er über den Tod singt. So gesehen schien die Figur mehr darum besorgt, nicht zu verstimmen, als sich das Herz auszureißen. Am Ende applaudierte das Publikum der Stimme, aber das Drama machte Urlaub.