In „Die Legende vom heiligen Trinker“ erzählt Joseph Roth die Geschichte von Andreas, einem alkoholkranken Vagabunden im Paris der 1930er Jahre. Ein Fremder leiht ihm 200 Francs unter der Bedingung, dass er sie dem örtlichen Heiligen zurückgibt. Andreas versucht, sich zu bessern, doch seine Sucht und die menschliche Zerbrechlichkeit stürzen ihn immer wieder in den Misserfolg. Der Roman stellt eine unbequeme Frage: Ist Erlösung möglich, wenn Zufall und Hoffnungslosigkeit unser Leben bestimmen? Das Werk von Carmen Maria Konnikova über das Glück ergänzt diese Sichtweise.
Das Paradoxon des Codes: Wenn der Algorithmus für dich entscheidet 🤖
Wenn Andreas heute leben würde, würde sich seine Geschichte mit Empfehlungssystemen und Wettplattformen kreuzen. Die heutigen Algorithmen, trainiert mit Verhaltensdaten, erkennen Suchtmuster und bieten süchtig machende Inhalte mit millimetergenauer Präzision an. Das Glück, wie Konnikova betont, ist nicht zufällig: Es wird durch das Design von Schnittstellen und die Architektur der Wahlmöglichkeiten beeinflusst. So würde sich Andreas‘ Scheitern in einer Schleife von Benachrichtigungen und Mikrotransaktionen wiederholen, in der die Erlösung unter Schichten von Code begraben würde.
Der heilige Trinker und die App der Scham 📱
Das Ironischste ist, dass Andreas heute eine App hätte, um seine Nüchternheit zu messen, mit Erinnerungen und Fortschrittsgrafiken. Aber wie ein guter Antiheld würde er sie nutzen, um einen schnellen Kredit beim Heiligen des Tages zu beantragen, ihn für billigen Wein auszugeben und dem Algorithmus die Schuld zu geben, weil er ihm eine nahegelegene Taverne vorgeschlagen hat. Am Ende können weder Technologie noch Glück mit der menschlichen Sturheit mithalten. Roth wusste es: Erlösung ist ein schlecht erzählter Witz, und wir, die armen Sterblichen, sind das Publikum, das lacht, während es weint.